Kapitel 5: Lonz und Gassner streiten sich, der Klops hört zu

März 26, 2011 | Kommentare deaktiviert

Mit beiden Händen stieß Adam den schweren roten Samtvorhang auf. Die Stimmung im Faun hatte mächtig angezogen, man tanzte und johlte, ausgelassen besoffen. Auf der Bühne hatten zwei androgyne Frauen in gut sitzenden Smokings die dicke Olga abgelöst und gaben nun eine nahezu perfekte Kopie von Margo Lion und Marlene Dietrich: “Ja, wir vertragen uns so furchtbar gut. Wie wir uns beide gut zusammen vertragen! Es ist kaum noch auszuhalten, wie gut wir beide uns vertragen, nur mit einem vertrage ich mich noch so gut mit meinem süßen kleinen Mann…” Das Publikum gröhlte. “Kopie”, dachte Adam ärgerlich, “Kopie! Alles nur Kopie! Kann es mal was Neues geben? Was Authenthisches?” Gleich würde die obligatorische Cabaret-Nummer kommen. Die gehörte ja schließlich in jede Revue! Dame eins würde den neckischen Confrencier geben, Dame zwei sich entblättern und zu “Money makes the world go around” mit aufreizender Korsage über die Bühne tänzeln und dabei mit ihren burlesk verkleideten Brüstchen wackeln lassen, dass es nur so klimperte. Das Publikum würde brüllen vor Freude und kräftig mitklatschen. Nichts war deutscher als der Mitklatschreflex. Adam seufzte.

Wieder schubste ihn jemand von hinten. Staatssekretär Pauli torkelte mit zwei Damen aus dem Faun. Man wollte sich nun anderen Vergnügungen als einer Brühpolnischen hingeben, zum Glück befand sich gleich nebenan die Pension Meyer, ein piefiges kleines Hotel, das es ob der authentischen Einrichtung in jeden Hipster-Hotelführer geschafft hatte. Adam kämpfte sich zur Theke vor. Lambert stand immer noch da, wo er ihn zuletzt gesehen hatte. Zwei Journalisten hatten sich zu ihm gesellt. Lonz und Gassner. Sie waren die Hauser und Kienzle des Faun und stritten wie die Rohrspatzen. Mittlerweile gehörten sie zum Inventar und der Wirt hatte kleine Metallschilder mit eingravierte Namen an ihren Thekenplätzen befestigt. Hatte man Langeweile, stellte man sich einfach daneben und ließ sich ein bisschen berieseln. „Mensch Gassner, wir haben übermorgen Bundestagswahl und worüber berichten die Journalisten ?“ , Lonz polterte los, „darüber, ob Steinmeier und Merkel sich duzen oder siezen und welche Rolle die Medien in diesem Wahlkampf gespielt haben. Diese ständige Selbstumkreiselung der Medien ist doch schrecklich! Wir haben keine kernigen Typen mehr, Leute, die sich mit Verve für Parteien und deren Positionen einsetzen. Journalisten sind heutzutage stolz darauf, keiner Partei mehr anzugehören, keine Position zu beziehen. Als wäre das was Unanständiges.“ „Schon die neueste Stern-Umfrage gelesen?”, fragte Gassner zurück, “dreiundreißig Prozent der achtzehn bis fünfundreißigjährigen finden, dass wir gar nicht wirklich in einer Demokratie leben und nur sieben Prozent finden, dass unsere Demokratie das beste System ist. Da leben wir, Lonz, im Jahre sechzig nach Grundgesetz. “ „ Erschreckend “ , Lonz schüttelte ungläubig den Kopf, “Streitereien will keiner mehr, die Kuschelpolitik der letzten Wochen hängt den Leuten auch zum Halse raus und dann noch alles undemokratisch finden, was soll man denn noch machen? Volksentscheide? Internetpetitionen?” “Gott bewahre”, Gassner stöhnte auf. Gassner, der eine kleine schwarze Nickelbrille und einen grau verwilderten Vollbart trug, dazu eine ebenso strubbelige Frisur, war zwei Köpfe kleiner als Lonz, dafür aber doppelt so dick. Er schrieb für eine linke Zeitung.

Lonz dagegen, ein hoch aufragender Bursche, Mitte fünfzig mit streichholzkurz geschorenem grauen Haar, großen Tränensäcken und einer sonor schnarrenden Stimme hatte bei einer konservativen Zeitung im Rheinland gearbeitet, dann die CDU beraten und war journalistisch verbrannt. Jetzt führte er ein Blog, das sich zunehmender Beliebtheit erfreute. Im Duo sahen sie aus wie Pat und Patterchon. Ausnahmsweise gab Lonz Gassner recht. “Es gibt einfach keine Grabenkämpfe mehr, Gassner, keine echten Lager. Guck dir doch deine linken Salonkommunisten an, die ganzen Che Guevara-T-Shirt-Träger aus der Schule. Leben jetzt als verbeamtete Lehrer oder andere Staatsbedienstete mit Familie im Reihenendhaus mit Brokattapeten, Bommellampen und Großmutters altem Plüschsofa, auf dem sie weiterhin vom Marxismus träumen und damit Babyyoga für alle meinen. Und wehe, der Staat verbeamtet sie mit Mitte vierzig nicht mehr! Dann ist das natürlich furchtbar ungerecht und unsozial. Selbst die Vorsitzende der Linken Katja Kippling sagt, Luxus und links seien kein Widerspruch und Sahra Wagenknecht pfeift sich in Brüssel die Hummer rein. Mal ganz abgesehen von dem gänzlich geschmacklosen Miami-Beacht-Luxus-Domizil von Oskar Lafontaine, wenn ich das sehe, dann wünschte ich mir fast, die Linken würden niemals viel Geld verdienen!“ Gassner lachte gequält. „ Ja, ja und Bild-Chef Kai Diekmann jetzt Anteilseigner bei uns und läuft mit rotem Kapuzenpulli in unserer Genossenschaftsversammlung auf. Findest du im übrigen nicht auch, dass Diekmann und dieser zu Guttenberg aussehen wie bei der Geburt getrennt ?“

Adam blickte sich um. Neben ihm an der Theke hockte ein komischer Mensch. Ein stiller schwarzer Klops, der nichts anderes tat, als mit beiden Händen eine grüne Bierflasche zu umklammern. Der Klops wirkte wie ein Fremdkörper im Faun, wie eine Art schwarzes Loch. Materie. Da und doch nicht da. Ein eigenes schwarzes Universum, Adam beobachtete den Klops interessiert. Er hatte eine weiße, fast fade Haut, trug seine dünnen, mittelbraunen Haare ins Gesicht gekämmt und auf der Nase thronte eine sehr dicke Hornbrille. „Tach auch!“ Adam erschrak, der Klops konnte sprechen! „ Meinst du mich?“ , fragte er unsicher zurück. „ Siehst du hier noch jemand anderen ?“ , der Klops sprach schnell, nuschelnd und mit einem norddeutschen Einschlag. Adam blickte sich um, „ nein, eigentlich nicht. “ „ Na du bist ja ein ganz schneller. “ Was wollte der Typ, dachte Adam, er hatte weder Lust auf Ärger noch darauf, dass sich jemand über ihn lustig machte.

Lonz und Gassner liefen indes zur Hochform auf. „ Aber weißt du was jetzt kommt, Gassner? Der konservative Backlash! Die Neocons kommen wieder, aber anders. Aufgeschlossen und gebildet, wie in England, ich sag nur Boris Johnson und David Cameron !“ „ Back-was ?“ , fragte Gassner begriffsstutzig. „ Backlash “ , wiederholte Lonz langsam und deutlich, „ die Konservativen schlagen zurück. Konservative Rück-Be-Sinnung, mein Lieber! Kein Wunder, dass der zu Guttenberg so kometenhaft aufsteigt. Ein Adeliger! Ausgerechnet! Das ist doch kein Zufall Gassner!“ „ Das ist eben ein charismatischer Typ “ , konterte Gassner knorrig, „ das hat doch nichts mit seiner Herkunft zu tun, das der so beliebt ist. Mensch Lonz, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, nicht im Kaiserreich, auch wenn du das natürlich sehr bedauerst, mein lieber Lonz!“

Der Klops kicherte sichtlich amüsiert über Lonz und Gassner. „ Sach ma gehörst du auch zu diesen wichtigen Fuzzis ?“ Adam schüttelte energisch den Kopf. „ Was machst du denn?“ “Import-Export“ , raunte Adam. Das tat er immer, wenn er nicht über seinen Beruf sprechen wollte. Der Klops verstand das. Vielleicht war der Klops doch nicht so blöd wie Adam dachte. Die Damen auf der Bühne waren fertig mit ihrem Gesinge, gleich würde was Neues kommen, so lange klimperte der Mann am Pianello ein paar Jazz-Standards rauf und runter und die Gäste freuten sich, wenn sie eine Melodie kannten und fühlten sich sehr urban. „ Kommst du auch aus dem Norden ?“ Adam begann die seltsame Art der Klops-Konversation zu nerven. „ Nee, warum ?“ „ Du sprichst auch so wenig. “ „ Westfale. Münster. “ „ Ah deshalb!“ Der Klops nahm einen Schluck aus der Flasche und schwieg wieder. Adam gähnte und blickte sich Faun um, der Abend hatte rasant begonnen, nur wurde er müde. Hinten im Separee erklärte Walter der Geheimdienst-Blondine gerade mit großen Gesten, wen er alles an wichtigen Personen kannte und auch schon beraten hatte und bot ihr an, auch sie beraten zu können, vor allem in gewissen Dingen, sie wisse schon welche. Dabei zwinkerte er ihr ein paar mal auffordernd zu, woraufhin die Geheimdienst-Blondine ihre linken Hand zwischen Walters Beine schob und Walter dermaßen erschrak, dass ihm beinahe wie in einem alten Cartoonfilm die Augen aus dem Kopf fielen. Walter wuchtete sich hektisch über den Tisch und beeilte sich, den Vorhang zuzuziehen. Adam seufzte – sein Hut klemmte noch zwischen Walter und der Geheimdienstblondinen.

Der Klops regte sich wieder, anscheinend war sein Bier nach fünf Minuten endlich an seinem Bestimmungsort angekommen und entfaltete seine zungelösende Wirkung. „ Münster, da gab’s doch mal das Odeon, gibt es das eigentlich noch ?“ Worauf wollte der Klops denn nun schon wieder hinaus ? Adam wurde unruhig. „ Nein, schon lange nicht mehr, da ist jetzt ein mongolisches Restaurant drin, Mongos, oder so”, antwortete Adam kurzssilbig. Er wollte nach Hause. Lambert stand nun mit einem der gutaussehenden jungen Männer zusammen, das konnte dauern. Der Klops kicherte wieder und wieder in sich hinein. Adam fand das reichlich seltsam, war der Klops Autist ? „ Mongos “ , kicherte der Klops vor sich in, „ das ist doch das, wo man sich Gerichte selbst zusammenstellen kann, mit Haifischflosse, Papageienfisch und Krokodil und son ’ Krams, ne ?“ Der Klops kicherte wieder und dabei schüttelte sich sein ganzer dicker Körper. Adam nickte rasch, der Klops wurde ihm langweilig und er wendete sich wieder Lonz und Gassner zu, was allerdings auch nicht mehr Unterhaltung versprach.

„Ach Lonz, jetzt hörn sie endlich mal auf mit ihrem polemischen Sozialdarwinismus und Survival of the fittest-Gelaber. Wir brauchen einen vernünftigen sozialen Ausgleich in Deutschland. “ „Sozialer Ausgleich! Glassner, ich kann es nicht mehr hören! Sie reden ja selber schon wie ein Politiker!” “Ja Lonz, das haben sie doch eben gerade erst gefordert, dass Journalisten wieder politischer werden sollen. Jetzt werfen ausgerechnet sie mir vor, ich rede wie ein Politiker! Sie wissen auch nicht, was sie wollen!” „ Hast du auch schon mal Papageienfischfleisch gegessen ?“, wollte der Klops von Adam wissen. „ Nee“, antwortete Adam knapp. Nur noch das eine Bier, dann würde er zu Lambert gehen und sich für heute abmelden. „Gassner, knapp dreißig Prozent des Bruttoinlandproduktes gehen in Deutschland für Sozialleistungen drauf, trotzdem liegt Deutschland in der OECD-Studie auf dem neunzehnten Platz bei den sozialen Aufstiegschancen. Der Fisch stinkt vom Kopf! Wir müssen strukturell was ändern, Gassner, Deutschland ist verkrustet! “ Glassner zuckte mit den Schultern: „ Und was soll deiner Meinung nach passieren Lonz? Revolution?“ „ Gassner, das heißt heute nicht mehr Revolution, das heißt heute Flash-Mob “ . Beide lachten herzhaft und stürzten mit vier großen Schlücken ihr mittlerweile schales Bier hinunter, „Herr Ober, noch mal zwei! Adam du auch eins? Dann also drei!“

Kapitel 4: Ein Telefonanruf und ein halbes Kapitel

März 26, 2011 | Kommentare deaktiviert

Er schaute auf sein oragenfarbendes Display. Dann drückte er den grünen Hörer für annehmen. “Hallo?”, “Adam? Hallo? Hörst du mich?”, schallte es in sein Ohr. “Stör ich dich?” “Nein Mama!” “Tante Agnes ist tot!” Adam hielt kurz inne, er musste überlegen. “…mit 105 Jahren gestorben. Am Freitag ist Beerdigung, Onkel Otto kommt auch, kannst du dich noch an den erinnern? Otto? Der hat ja auch Krebs! Der macht’s auch nicht mehr lang, so wie der aussieht. Schlimm sieht der aus. Adam, stör ich auch wirklich nicht? Wo bist du denn gerade?” “Nein Mama. Auf einer Party.” Sie hatten seit vier Wochen nicht mehr miteinander telefoniert. Viermal hatte sie versucht ihn zu erreichen, doch er war in Meetings, später hatte er vergessen zurückzurufen. Jetzt war sie ihm wieder einmal zuvor gekommen. “Wie geht es Papa?”, fragte er. “Gut geht es ihm.” “Und wie macht er sich als Hausmann?”, sein Vater hatte über vierzig Jahre für eine Versicherung gearbeitet und war vor einem Monat in Rente gegangen. “Ganz gut”, versicherte ihm seine Mutter, “wir fahren ja viel mit dem Fahrrad. Er hat heute die Hecke geschnitten. Und das mit seinem Rücken! Aber der geht ja nicht los! Männer! Adam, werde bloß nicht so wie dein Vater! Aber das wird nichts mit der Hecke! Im nächsten Jahr lasse ich einen kommen, der das richtig kann, professionell. Wir haben nur Löcher in der Hecke, lauter Dellen, die sieht ganz verschnitten aus, das hat Liese von nebenan auch schon gesagt. Aber Papa meint, er kann das alles noch, kennst ihn ja! Will immer alles alleine machen. Hat euch ja auch damals nicht mal den Rasen mähen lassen! Nicht mal den Rasen! Morgen kochen wir noch Mirabellen ein. In diesem Jahr gab es viele Mirabellen! Und lecker sind die! Adam? Stör ich dich auch wirklich nicht?” “Ja Mama. Nein Mama.” “Möchtest du auch welche? Mirabellen? Ich kann dir ein paar Gläster Mirabellenkompott schicken. Das kannst du dann mal anbieten, wenn du Freunde da hast. Das ist doch wieder in, in Berlin, so deutsche Hausmannskost. Hab ich gelesen, Adam, am Prenzlauer Berg und Friedrichsdings da sollen jetzt der Reihe nach Läden aufmachen, die Hausmannskost anbieten. Von wegen teuer Bio, Adam, bei uns kriegst du das umsonst!” “Also ich weiß nicht, Mama…” “Wir mussten heute neue Gummis für die Einweggläser kaufen, die alten waren ganz porös. Stehen ja sonst nur im Weg rum, die Gläser, wenn man sie nicht nutzt, wollte sie eigentlich schon wegschmeißen, aber jetzt, wo Papa Zeit hat. Adam, isst du denn auch genug?” “Ja, Mama!” “Stell dir vor, wen ich heute im Dorf getroffen habe! Deine alte Deutschlehrerin Frau Schöppner, alt ist die geworden, ist übrigens auch schon Oma! Viele Grüße. Sie hat nach dir gefragt, sind ja alle ganz stolz hier, auf unseren Adam, bestimmt bekommst du hier auch mal eine eigene Straße, wie der Heimatdichter Anton Aulke, der hat sogar einen ganzen Ring bekommen! Adam, fragen ja immer alle, wann dein nächste Buch kommt. Wann kommt denn dein nächstes Buch?” “Ach Mama, ich weiß nicht, ich habe keine rechte Idee, finde keine Ruhe…”, Adam stieß mit seinen Fußspitzen gegen einen Rinnstein und dachte an Clara. Er wollte aber seine Mutter nicht schon wieder abwürgen. “Komm doch mal wieder nach Hause, Adam, hörst du, hier hast du Ruhe und kannst schreiben und Papa helfen, den Gartenzaun winterfest zu machen, das schafft der alleine ja gar nicht mehr und seitdem sein Kegelkumpel der Jürgen tot ist, hat der ja auch keinen mehr, der ihm helfen kann und Irmchen ist auch alt geworden, die wird im nächsten Jahr auch nicht mehr für uns putzen können. Ich weiß noch gar nicht, was ich dann machen soll. Man findet ja so schnell auch kein Ersatz. Will ja keiner mehr machen, putzen. Ich muss mal bei den Russlanddeutschen fragen, aber die machen das ja jetzt auch nicht mehr, seitdem die alle gebaut haben, glauben die auch, sie seien was besseres. Wenn das so weiter geht, müssen wir uns die Polen rüber holen, damit die für uns putzen und uns pflegen. Wusstest du im übrigen schon, dass Schulze-Isselbrink ihr drittes Enkelkind haben? Hier, die Tanja, die kennst du doch, von früher, oder warst du mit der älteren, na, Dings, wie heißt sie nochmal, in einer Klasse?” “Sandra. Ich war mit Sandra Schulze-Isselbrink in einer Klasse.” “Ach ja, richtig Adam, ich kann mir das alles gar nicht mehr merken, ist ja heutzutage so viel, was man sich immer merken muss. Die Sandra, die ist ja jetzt mit dem Ludger Lütke-Schlierkamp verheiratet, der Sohn von Helga Blasskamp, also geborene Blasskamp, netter Junge, war jetzt Schüztenkönig, das ist ein ganz aufgeschlossener, sage ich dir! Nur Computer auf dem Bauernhof! Das läuft da heutzutage alles vollautomatisch. Der sagt, er bräuchte den Trecker eigentlich gar nicht mehr zu fahren. Saatgut, Menge, Strecke, dass machen die alles von alleine, über Dschiepiearrs, oder wie das nochmal heißt, jedenfalls üsdber Satellit! Die Sandra schon zwei Kinder, ganz süße Mädchen, immer in Barbor und Spiegelburg und so, ja die haben Geld, warst du nicht auch mal mit der zusammen?” “Ja, aber das war in der sechsten Klasse.” “das ist ein fleißiges Mädchen, die Sandra. Mit der mach ich jetzt Yoga. Adam. Weißt du, dass ich jetzt Yoga mache? Das solltest du auch machen, Adam, das entspannt ganz toll. Die Yogaleiterin sagt immer, wir müssen uns ganz schwer fühlen. Alles wird schwer. Die Hände, die Füße, die Finger, der Bauch, der Rücken, der Kopf, einfach alles! Adam, weißt du wie man sich dann fühlt?” “Nein Mama!” “Als falle man in ein leeres Grab.” “Und das soll entspannend sein?” “Ich bin so entspannt, ich schlafe beim Yoga immer ein.” “Im Grab?” “die andern wecken mich dann immer, weil ich schnarche. Hör mal Adam, mein Computer ist schon wieder kaputt, könntest du da nicht mal gucken.” “Aber ich komme doch erst in drei Monaten wieder nach…” “Der zeigt mir immer irgendwas mit Temp und file und so an und dann blinkt alles und dann geht der einfach immer aus.” “Das liegt vermutlich an deinem Arbeitsspeicher, der ist voll.” “Kannst du nicht mal mit den Jungs von Computercorner telefonieren? Wenn ich denen das sage, dann verstehen die das nicht.” “Mama ich weiß doch gar nicht…” “Und ins Internet komm ich gerade auch nicht. Hach, das ist vielleicht doof, man ist ja schon regelrecht angewiesen auf das Internet! Ich recherchiere da doch so gerne Adam, was du geschrieben hast und wegen der Lärmemissionen und so. Die von der Gemeinde haben jetzt im übrigen einen neuen Traktor für den Sportplatz, der ist viel leiser und das geht viel schneller. Aber dafür sind die Bouler immer noch da.” “Die machen sicherlich auch sehr viel Krach”, witzelte Adam, seine Mutter ignorierte das. “Papa übt jetzt smsen. Soll er dir mal was smsen?” “Ja Mama!” “Hör mal Adam, stör ich dich auch wirklich nicht?” “Nein Mama, ich muss nur gleich…” “ich fahre Montag wieder Fahrrad, mit meinen Freundinnen. Wir können ja froh sein, dass wir so gute Freunde haben, wo unsere Kinder schon so weit weg wohnen…” “Mama, jetzt bitte keine Vorwürfe…” “Freunde sind das wichtigste Adam! Freunde und ein schönes zu Hause! Ich sag ja immer, ich brauch keinen Urlaub, wenn das zu Hause schön ist. Aber Papa, der muss ja unbedingt in die Sonne, ich könnte da gut drauf verzichten. Wie du das überhaupt aushältst in so einer großen Stadt, Adam, mich würde das ganz bekloppt machen, immer die vielen Leute und U-Bahnen.” “Mama, ich muss jetzt gleich mal wieder…” “Hast du jetzt noch ein Meeting? Ach, ihr armen jungen Leute. Sagt Ruth auch immer, ihr habt es heute ja nicht leicht, nein, heute möchten wir auch nicht mehr jung sein. Geht ja alles den Berg hinunter. Früher, da konnten wir noch ein Gehalt zur Seite legen und sparen, aber Adam, was verdienst du jetzt?” “Genug” “Reicht doch nicht mal für ne Doppelhaushälfte!” “Ich will auch gar keine Doppelhaushälfte…” “Aber Eigentum bringt sicherheit Adam! Denk doch mal. Wer weiß, was noch kommt. Inflation und so. Dann kannst du froh sein, wenn du was eigenes hast…” “Aber ich hab doch schon mein Jodeldiplom…” “Adam, ich mein das ernst. Das wird nicht besser, die da oben bescheißen uns doch wo sie können. Die verbrocken die Finanzkrise und wer darf es ausbaden?” “Der kleine Mann auf der Straße!”, Adam rollte mit den Augen. “Siehst du, sagst du ja selbst!” “Mama ich muss mal wieder…” “Ja schon gut Adam, will dich auch gar nicht länger stören. Komm mal wieder vorbei, hörst du, und schöne Grüße auch von Papa, ist grad reingekommen. Hat heute auch noch das Kabel druchgesäbelt. Der wieder, hab ich ihm doch gleich gesagt, dass wir da jemand anderes nehmen sollen…” “Mama grüß Papa, ich muss jetzt wirklich…” “Alles gute Adam, und pass auf dich auf, ja und lass mal wieder was von dir hören!”
“Von mir…”, dachte Adam und legte auf. Er ging wieder hinunter ins Faun und kam sich dabei vor wie Orpheus in der Unterwelt, der im Inbegriff war, seine Eurydike aus den Fängen des Hades in die Oberwelt zu entführen. Doch Eurydike war gerade dabei, sich selber zu befreien. An der Garderobe stieß er auf Clara. “Du gehst?” “Ja ich muss, Herr von Steltow muss morgen früh raus.” Sie deutete mit ihrem Kopf auf einen gut aussehenden Mann mit blondem Seitenscheiten, der sich Mantel und Hut geben ließ. Adam versuchte seine Enttäuschung zu verbergen. Wie konnte er nur so töricht sein, zu glauben, ja anzunehmen, eine dermaßen gut aussehende, charmante, intelligente und eloquente Frau sei nicht vergeben? “Könnte ich mir denn mal ihre Bilder ansehen”, presste er hervor. “Gerne, kommen sie doch morgen in mein Atelier.” Adams Miene hellte sich auf. “Wo finde ich das?” Sie drückte ihm eine Art Visitenkarte in die Hand und verschwand mit ihrer Begleitung aus der Tür. Adam war glücklich und unglücklich zugleich, ein anderes Wort, es auszurücken, fiel ihm gerade nicht ein.

Kapitel 3: Gewühle, Schweiß und Menschenfleisch

März 14, 2011 | Kommentare deaktiviert

Adam drängte durch den Pulk, vorbei an nackten Rücken, an ausladenden Dekolletés, in die Luft gestreckten Armen, verschwitzten Achseln, dicken Bäuchen, wabernden Pos, breiten Schultern und prallen Busen. Er liebte die Enge des Clubs und paddelte sich in Zeitlupe durch das aufgeheizte Menschenknäuel. Die dampfende Herde vergnügungshungriger Leiber hatte etwas Animalisches. Adam liebte es zu schwitzen und anderen beim Schwitzen zuzusehen. Er war ein Kind der achtziger Jahre. Damals beim Fahnder hatten alle ständig geschwitzt. Jetzt wurde im Fernsehen überhaupt nicht mehr geschwitzt, nicht mal mehr im Vorabendprogramm. Schweißflecken von Politikern wurden in Zeitschriften rot eingekringelt, wie überhaupt Schwitzen etwas ganz und gar Unanständiges war, das der moderne Menschn einfach nicht mehr machte. Adam amüsierte der Gedanke an Nina, die ihn einmal gefragt hatte, ob er ein Sexschwitzer sei.

Adam mochte es, wenn sich im Faun hübsche junge Herren dicht an ihm vorbeischoben, nicht ohne ihn dabei ihre Erregung spüren zu lassen, und er mochte es, fremden Damen an die Taille zu fassen, um sie sanft aus dem Weg zu bugsieren, ihnen dabei nonchalant seine Nase in den Nacken zu pressen und ihr Parfüm zu erraten. Im Faun war man nicht zimperlich mit Berührungen, man wollte es wieder körperlich, menschlich und echt. Man gab nichts auf Konventionen und Moral, es reichte ja, dass man eine Pastorentochter als Bundeskanzlerin hatte. Dafür dass nichts nach außen drang, sorgte ein engmaschiges Netz aus gegenseitigem kennen. Jeder, der hier war, wusste, dass er eigentlich nicht hier sein durfte, man gab sich prall, frivol und derb. Es war, als sehnte man sich nach Jahren ungezählter Get-Togethers, Openings, Convetions, After-Work-Partys und Meetings an sphärisch beleuchteten Stehtischen in zugigen Maschinenhallen, schlecht geheizten und spärlich möblierten Museumsfoyees und bunt beleuchteten Justizpalasttreppenhäusern, dauerbeschallt mit der immergleich dahinwabernden Lounge-Musik und immerzu hektisch, stehend oder, wie man es nannte, „ on-the-fly “ nach Kellern mit Suppen aus Plastikspritzen angelnd, als sehnten sich all diese 90er Jahre geschädigten Leute nach dem lustvollem Gemenge, nach Gewühle, Schweiß und Menschenfleisch.

Adam hielt inne und schloss die Augen. Das Faun war ein olfaktorischer Hochgenuss! Er weitete seine Nasenflügel und sog die delikate Melange aus teurem Parfum, Schweiß, Zigaretten, gebratenen Austern und Körpergeruch ein. Er sammelte Gerüche wie andere Menschen Briefmarken, jeden Ort, an dem er jemals war, hätte er am Geruch wiedererkennen können, darauf verwettete er sein Tegernseer, dann wurde er unsanft weitergeschubst. Ein Kellner drängte sich an ihm vorbei, mit einem Tablett Noilly Prat und überbackenen Austern, einer Brühpolnischen und einem Brathähnchen, das er hoch über seinem Kopf balancierte. „Monsieur “ , rief er laut, „ s’il vous plait!” Adam duckte sich und hatte die üppigen Busen der Grünen Parteivorsitzenden im Gesicht, die das sichtlich amüsierte und lauthals auflachte, das Adam erschrak: sie trug Chanel Mademoiselle. Als sich Adam wieder aufgerappelt hatte und aufblickte, sah er in das lächelnde Gesicht der Toiletten-Brünette und verliebte sich auf der Stelle. Er lächelte unbeholfen zurück, wischte sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht und strich den Anzug glatt. „ Sind Sie nicht Adam?“ „ Ja, ja… “ , stotterte er, er hatte sich also nicht getäuscht, sie kannte ihn doch, aber woher ? „ Ich kenne sie aus dem Internet. Habe mich erst gar nicht getraut sie anzusprechen, weil ich dachte, sie sind sicherlich schon ziemlich genervt davon “ Adam starrte sie mit seinen kleinen dunklen Augen einen Moment ungläubig an, bis er begriff worauf sie hinaus wollte, „ Ähm, na ja… “ , er hüstelte gekünstelt. Dachte sie tatsächlich, er sei berühmt? Adam war verdutzt und fühlte sich zugleich geschmeichelt. Dafür verfluchte er sich innerlich. Eitelkeit hielt er für ein äußerst törichtes Gefühl, das er eigentlich niemals zuließ. Aber es fühlte sich gerade jetzt so unendlich gut an, dass es ihn innerlich beinahe zerriss. Adam beschloss, für einen Moment seine moralischen Skrupel gegen seine eigene Eitelkeit auszuschalten und sich ungeniert bewundern lassen. Es gab schlimmere Verbrechen.

„Ich kenne ihr Blog, finde ich toll, was sie machen “ , sagte sie „ besonders liebe ich ihre Briefe und ihre Gedichte.” Adam konnte nicht anders, als diese Person sofort wild und wollend zu begehren. Eine dermaßen ein entzückende Person war ihm seit langem nicht über den Weg gelaufen. Sie trug ein kurzes schwarzes Kleid, das ihr in wellenförmigen Falten sanft über die Schultern hing und ihren Körper bis zu den Knien umschmeichelte. Ihre eleganten Arme lagen frei, wie ihr Hals. Adam liebte Frauenhälse ganz vampirhaft furchtbar schrecklich und dieser war besonders schön. Ihre Füße steckten in zwei putzigen schwarzen Stiefelchen aus weichem Leder, die sie aussehen ließen wie die kleine Schwester vom gestiefelte Kater. Sie war kaum geschminkt. Ihre Haut war makellos weiß und ihre Lippen feuerrot. Nie hatte Adam so rote Lippen gesehen und er musste aufpassen, dass er nicht ständig wie ein armer Irrer auf ihre Lippen glotzte, obwohl er am Liebsten in diesen Lippen auf der Stelle ertrunken wäre.

„ Ich könnte mir keinen schöneren Tod vorstellen… “ „ Wie bitte ?“ Adam sammelte sich, „ ach nichts, habe ich das gerade nur gedacht, oder etwa auch gesagt ?“ „ Sie haben gesagt, sie könnten sich keinen schöneren Tod vorstellen. “ „ Ach ja ?“ „ Worauf bezog sich das ? Wenn ich fragen darf ?“ Adam schaltete um. „ Äh, ja, ach das war nur so, daher gesagt.” “Ja”, erwiderte sie ironisch, “natürlich! Das sag ich auch öfter vor mich her, mindestens zwanzig mal am Tag.” Adam verzog den Mund, kein guter Anfang für eine Romanze, er versuchte es von vorn: “Ich meine, was machen sie Hier ? Nein, ich meine natürlich beruflich? Nein! Quatsch!“ er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, „Ich meine natürlich wie heißen sie ?“ “Ich heiße Clara von Steltow bin 32 Jahre alt, habe von 2000 bis 2006 Malerei an der Kunsthochschule Berlin -Weißensee studiert, trage Unterhosengröße 36, BH-Körbchen75B und hatte mit dreihunderzweiundsiebzig Männern Sex, davon 144 mal in fahrenden Aufzügen. “ Adam staunte: „ Sie tragen BHs ?“ „ Nun ja, in der Regel, meistens trage ich allerdings gar keine Unterwäsche. “ “Das ist gut. Halte ich sowieso für überschätzt, Unterwäsche. Überhaupt, wer braucht schon Kleidung ?“ „ Jawoll, runter damit !“ Sie zog sich das Kleid bis zum Bauchnabel runter und stand im schlichten schwarzen BH vor ihm. Adam grinste, er versuchte möglichst locker zu bleiben, obwohl er innerlich ganz aus dem Häuschen war vor Erregung. Sie wollte spielen, also spielte er und war ein guter Spieler in solchen Dingen. „ Bravo! Bravo! Werte Dame, ich denke, ich untertreibe nicht, wenn ich mich hier und jetzt zu der bescheidenen Äußerung verleiten lasse: Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Frau und erkennt, daß ich diese Frau nicht preisgeben darf und nicht preisgeben kann!” Sie blickte ihm ernst in die Augen: “Mr. Gorbachev, tear down these clothes!” “Tja, zu meinem großen Bedauern, Madame, verwechseln sie mich gerade mit einer anderen, weniger berühmten Person der Zeitgeschichte, das ist natürlich sehr beleidigend für mich und ich bitte sie aus diesem Grund, sich wieder anzuziehen!“ Clara lachte keck, dass ihre weißen Zähne zum Vorschein kamen, zog sich das Kleid wieder über und nahm die Zigarette, die Adam ihr anbot. „ Ich weiß was sie jetzt denken !“ „ So ? Tatsächlich? Kann ich mich in irgendeiner Form wehren, gegen das, was sie denken, was ich denke? Oooh, Schatz, es ist nicht so, wie es aussieht!“

Adam erinnerte sich an eine seiner liebsten Filmszenen. „ Kennen sie der Stadtneurotiker von Woody Allen ?“ Sie nickte. „ Die Szene, in der Alvy Singer und Annie Hall auf ihrem Balkon stehen und sich unterhalten, während ihre Gedanken inhaltlich asynchron zum Dialog, als Untertitel für den Zuschauer sichtbar über den Bildschirm laufen?” “Ja, ganz wunderbar”, nickte Clara. “Also, wollen wir uns ab jetzt auf die Untertitel kaprizieren. “ „ Sie meinen, wir reden nun in Untertiteln ?“ „ Wir sagen jetzt das, was wir eigentlich denken, abwechselnd, ohne dass der eine auf das, was der andere sagt, eingeht, freie Assoziation sozusagen, sagen sie einfach das, was ihnen gerade einfällt.” Clara hielt inne. “Ist ihnen das schon mal passiert?”, wollte sie wissen. “Was?”, fragte Adam. “Na, dass das, was sie denken gar nicht das ist, was sie reden und umgekehrt.” “Das passiert mir ständig”, antwortete Adam und fügte gespielt vertraulich hinzu “Ich verrate ihnen was: anders überleben sie hier in der Hauptstadt keinen Tag. Hier müssen sie nicht sagen, was sie denken, sondern sie müssen sagen, was sie denken, das die anderen denken, das sie sagen, die Untertitel sozusagen, sonst werden sie in diesem Sumpf gefressen!” er zappelte wie ein Krokodil vor ihr herum und machte grimmige Beißgeräusche, “Regel Nummer eins: Allen immer nach dem Mund reden!” “Und wie rede ich ihnen nach dem Mund, damit ich nicht gefressen werde?”, wollte sie wissen. “Ach, ich mag eigentlich lieber Blondinen.” “Mit Senf oder Ketchup?” Adam gab sich geschlagen und gratulierte ihr förmlich für den letzten Gag. Sein Handy klingelte und es war ihm peinlich, dass er vergessen hatte, es auszuschalten. Adam kramte umständlich in seiner Anzugtasche, schließlich grabbelte er ein Siemens S45 hervor, das schrill Beethoven bimmelte. “Moment, bin gleich wieder da.” Es gab wenig Tabus im Faun, aber Telefonieren gehört definitiv dazu.

Kapitel 2: Walter und die neue deutsche Republik

März 10, 2011 | Kommentare deaktiviert

Sie polterten die ausgetretenen Stufen hinab. Das Faun lag in einem Kellereschoss am Kottbusser Damm. Bis vor zwei Jahren hatte das Faun noch „Bar Desireé“ geheißen und war ein billiges Striptease-Lokal gewesen. Jetzt traf sich dort die Berliner Haute-Volée. Zwanzig Euro kostete der Eintritt pro Person, den Lambert übernahm. Dafür bekam man in dem Club Künstler, Literaten, Transvestiten, Schwule, Lesben, Politiker, Staatssekretäre, Investmentbanker, Wirtschaftsgrößen und einsame Diplomatenfrauen zu sehen und man war sich einig, dass man das alles zusammengenommen äußerst faszinierend fand. Sie alle schwemmte es nach dem Besuch diverser In-Restaurants in Mitte neuerdings in halbseidene Clubs wie dem Faun. White Trash war angesagt in der Hauptstadt, vor allem in den gehobenen Kreisen.

„Champagner?“, fragte Lambert. „Ich bleib beim Bier! Tegernseer!“ Adam steuerte auf eine plüschige Sitznische zu, die noch nicht besetzt war. Die kleinen Lämpchen mit den roten Schirmen und den Fransen an der goldumsäumten Bordüre auf jedem Tisch ließen die Personen dahinter nur schemenhaft erkennen. Sie wirkten wie beleuchtete Fliegenpilze und tauchten das Faun in lasziv gedämpftes Licht. Im Hintergrund spielte die dicke Olga, eine sichtlich bemühte Claire Waldoff-Kopie, mit ihrer Band: “Mein Fritz macht Winke-Winke“ Hin und wieder surrte einer der kunstseidenen Vorhänge, die die Séparées vor neugierigen Blicken schützten.

Rot und gold waren die tonangebenden Farben im Faun. Die dunklen Anzüge der Gäste taten ein übriges. Die Farben der Republik waren le dernier cri, man war gerne deutsch dieser Tage. Das Publikum fühlte sich in die 20er Jahre zurückversetzt. Endlich war sie wieder da, wo sie hingehörte, die lang herbeigesehnte Hauptstadt-Décadence und passend zum hybrid-flirrenden Gefühl drinnen, drohte die Welt draußen zusammenzufallen wie ein Kartenhaus. Man flickte auf Staatskosten notdürftig, was Politik und Finanzwelt in den letzten Jahren angestellt hatten, doch änderte sich nichts. Wozu auch, dachte Adam. Eine Revolution war nicht zu befürchten, solange die Menschen ihre Glotze und genug zu essen hatten. Der Mittelschicht gegenüber gab man sich besonnen, „die Lage sei ernst, aber nicht hoffnungslos“, das Geld der Kleinanleger sicher! Inflation? Nein, die sei nicht zu befürchten! Nach der Wahl wolle man sogar die Steuern senken, für Wachstum sorgen! Man verhielt sich ruhig und auf die Staatsräson bedacht. Im Faun dagegen redete die rotrotgrünschwarzgelbe Koalition Tacheles. Man lachte, feierte und stieß mit Champagner und Cremant und einem ironischen Augenzwinkern auf die neue Staatsverschuldung an und die dicke Olga schmetterte: „Mir hab’n se de Gurke vom Schnitzel weggemopst“

Ausladende weinrote Lederhocker im Chesterfield-Stil umsäumten die sich raumgreifend durch den Club schlängelnde Bar. In den Separees traf sich, wer in Berlin Rang und Namen hatte, aber man behielt es für sich. Hier war die Republik privat. Die Wände waren mit dunklem Mahagoniholzfunier und rotem Teppich verkleidet, was dem Faun eine angenehm gedämpfte Gesprächsatmosphäre verlieh. Aus den Teppichen strömte immer noch der süßlich-billige Duft der polnischen Animierdamen. Lambert hatte sich mittlerweile bis zur Theke vorgekämpft. Immer und immer wieder musste er Hände schütteln und auf Schultern klopfen, auf die der politischen Freunde und die der Gegner, was besser war, wusste keiner so genau. Man bestätigte sich gegenseitig, das gefiel, also machten es alle so.

Adam durchforstete mit seinen kleinen braunen und sehr wachen Augen den Raum, er war zufrieden, er mochte die schräge Atmosphäre, wie er überhaupt reichlich skurrile Clubs mochte. In Paris war er einmal in einem Club gewesen, in dem über der Tanzfläche auf einer kleinen Leinwand ein Film gezeigt wurde, auf dem eine Geburt zu sehen war. Als sich setzen wollte, stemmte Walter sich ihm in den Weg. „He, Adam, alter Knabe!“, brüllte er sichtlich erfreut. Mit Walter war es wie mit dem Hasen und dem Igel. Wohin man auch ging, Walter war schon da. Adam lächelte gequält, doch Walter merkte das nicht. Im Hinblick auf zwischenmenschliche Dinge verhielt er sich wie ein ostwestfälisches Rindvieh. Er gehörte trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – zum Berliner Polit-Establishment. Warum wusste keiner so genau, was Walter eigentlich tat, auch nicht. Es hieß, er habe in der Vergangenheit einige hochrangige Politiker strategisch beraten, ob erfolgreich oder nicht, wusste ebenfalls kein Mensch, vermutlich nicht mal die Politiker selbst. Jedenfalls schmiss Walter mit reichlich wichtigen Namen um sich, was Wirkung hinterließ. „Wollen wir uns nicht setzen?“, er schlug Adam abermals kumpelhaft auf den Rücken. Adam schälte sich aus seinem Mantel und quetschte sich in die Sofaecke. Walter stopfte eine Pfeife und strahlte wie ein Honigkuchenpferd, dass er nun jemanden zum Reden hatte: „Hast du den Schirrmacher heute gelesen?“ Adam nickte, er suchte in der Menge verzweifelt nach Lambert, der sich gerade angeregt mit Staatssekretär Pauli unterhielt. „Und was sagst du dazu?“ „Walter, hör mal, ich will mich jetzt nicht wieder über das Internet und die neuen Medien und den ganzen Scheiß unterhalten. Wo warst du denn im Urlaub?“ „Hier in Berlin! Du nicht? Mensch, da haste aber was verpasst, ist doch Wahlkampf!“ „Ja? Tatsächlich?“, fragte Adam mit ironischem Unterton und runzelte dabei skeptisch die Stirn.

Der Wahlkampf schleppte sich in diesem Jahr wie ein Kamel durch die Wüste, kurz vor dem Verdursten. Er war so dermaßen zäh, uninteressant und fade, dass die Berliner Journaille vor lauter Langeweile und Ratlosigkeit schon gar nicht mehr wusste, worüber sie schreiben sollte. Man versuchte den Wahlkampf gar künstlich anzufeuern, mit Schlagzeilen wie „Merkels Vorsprung schmilzt!“ „Die SPD holt auf“ aber auch das interessierte niemanden. Das Land befand sich angesichts der globalen Finanzkrise in einer Art Wachkoma. Die Politik verabreichte den Wählern Kuschelphrasen und Beruhigungspillen und die schluckten den medialen Slogancocktail brav hinunter.

Walter allerdings fand das nicht. Walter fand immer alles spannend. Oder vielleicht war es auch umgekehrt: Alles war Spannend, was Walter gefunden hatte und das war einiges. Vor zehn Jahren war er aus Bielefeld nach Berlin gezogen. Das betonte er gerne und oft, denn „es waren ja so immens viele bedeutende Künstler aus Bielefeld nach Berlin gezogen, wie beispielsweise Wiglaf Droste!“
Walter war ein bebrilltes, aufgedunsenes Kerlchen. Mitte vierzig. Seine strohblonden Haare hatte er in der Mitte gescheitelt, auf diese Weise sollten die Geheimratsecken kaschiert werden. Dass Adam Menschen mit Mittelscheitel grundsätzlich ablehnte, weil sie in seinen Augen alle aussahen wie Diederich Heßling und er nicht umhin konnte zu denken, sie seien Diederich Heßling, behielt er lieber für sich. Walter putzte mit seiner Krawatte emsig seine kleine, goldene Nickelbrille und wackelte belustigt mit dem Kopf hin und her, wie es Lukas aus der Augsburger Puppenkiste auch immer tat: „Der Schirrmacher, der Schirrmacher, sag mal, hat der gekifft?“ „Also nur, weil der jetzt die Revolution der Piratenpartei ausruft und will, dass mehr Nerds Anteil an der Berliner Gesellschaft haben? Wer will das denn? Willst du hier etwa Nerds um dich haben? Willst du dich ernsthaft mit pickeligen, langweiligen Informatik-Burschen über Gateways, Bits und Bytes und Web-Interfaces und Widgets unterhalten?“, Adam wurde ärgerlich, immer das selbe Thema. Ob Adams rüder Art war Walter jetzt ein bisschen eingeschnappt. Er schaute sich um und entdeckte am Zigarettenautomaten eine dralle Blondine, die ihm freundlich zuwinkte. Er winkte unbeholfen zurück. „Weißt du, wer das ist?“ „Irma, die Ex vom russischen Attaché Wassiljew, vollkommen nymphoman, sage ich dir. Soll gute Kontakte in den russischen Geheimdienst haben“, nuschelte Adam, während er im Rund erneut nach Lambert forschte. Walter pfiff anerkennend. Russischer Geheimdienst, das hatte für ihn anscheinend mehr Sexappeal als eine Einladung zur Modeschau von Victoria`s Secret. Lambert stand nun beim Fraktionsvorsitzenden der SPD und deutete Adam über die Köpfe hinweg gestisch an, gleich bei ihm zu sein, er müsse nur noch mit dem Kommunikationsberater der CDU sprechen, der neuerdings ein einflussreiches Blog führte und gleicht hinter dem Fraktionsvorsitzenden stand. Es war eng und heiß und die dicke Olga trällerte „Jott, was sind die Männer dumm.“
Walter ließ nicht locker. „Das Internet“, sinnierte er, „wird das alles hier wegschwemmen! Alles wird digital! Die digitale Gesellschaft, weißt du! Das läuft bald alles nur noch über Facebook, Twitter und Second Life“ Adam verdrehte genervt die Augen und beschloss, Walter einfach reden zu lassen. Wenn er doch wenigstens ein Bier hätte! Er lockerte sein Krawatte. Während Walter seinen Netz-Sermon absonderte, nutzte Adam die Gelegenheit, nach hübschen Frauen Ausschau zu halten. „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben. Weißt du wer das gesagt hat, Adam? Na? Na? Na? Einstein! Habe ich heute gelesen! Adam, das Internet ist kein Medium, das wir nutzen können oder nicht, die digitale Vernetzung wird unser Leben verändern!“ Walter begann wild zu gestikulieren, wie er es immer tat, wenn es um das Internet ging. „Es wird die Gesellschaft herausfordern und verwandeln in Politik, Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Wissenschaft und Kultur. Kein Futur, sondern Präsens, Adam! Hör mal! Wir sind herausgefordert !Unser Leben ist verändert, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Second life ist real geworden! Die Grenzen zwischen Cyberspace und der Welt als Wille und Vorstellung existierten nur in unserer Vorstellung, virtuelle Realität und reale Virtualität sind eins. Das Thema ist Exklusion, Adam! Hörst du zu? Digital divide! In Deutschland verläuft die Grenzlinie der Akzeptanz des Internet weniger entlang der technischen Verfügbarkeit als der mentalen und der wirtschaftlichen. Alter, Geschlecht und Schulabschluss entscheiden mehr über drinnen und draußen, vernetzt und unvernetzt, als eine Übertragungsrate in Kilo- oder Megabyte. Weißt du wer das im Jahr 2000 schon sagte? Jeremy Rifkin, in seinem Buch Access. Wie sehr sich reale und virtuelle Welt durchdringen, zeigt beispielsweise eine Studie über die Flächennutzung und Freizeitperspektiven der Alpen: Rückzug aus der Fläche! Adam! Rund 430 Städte und Gemeinden sind in Deutschland nur über ISDN ans Netz angeschlossen, noch nicht über DSL. Vor zwei Jahren waren es noch fünf Mal so viele. Manhattan verfügt über mehr Telefonleitungen als ganz Afrika. Exklusion ist also auch eine Frage des Standpunktes, Mensch Adam!“

Wieder klopfte Walter Adam kräftig auf die Schulter, seine Wangen glühten vor Begeisterung. “Mensch Walter!”, antwortete Adam mit gespielter Empathie, mit seinen Gedanken war er bereits woanders. Walters rundes Gesicht leuchtete und er schwitze als hätte er gerade fünfzig frischgebackene Brote aus dem Ofen geholt. Wenn es um das Thema Internet ging, drehte Walter auf. Adam hatte indes hinten bei den Toiletten eine schlanke Brünette entdeckt, die ihm freundlich zugelächelt hatte. Kannte sie ihn etwa? Es schien so. „Walter, ich muss mal ins Kachelkabinett, für kleine Blogger, bin gleich wieder da!“ Walter fand das komisch, „har, har, für kleine Blogger, har, har, Kachelkabinett“. Während Adam aus dem engen Separee krabbelte, lehnte Walter sich zufrieden zurück und streichelte auf der Suche nach der Geheimdienst-Blondine vergnüglich seinen dicken Bauch. Er zog an seiner Pfeife, die inzwischen erloschen war. Walter war glücklich, so viel Zukunft war noch nie und er, Walter aus Bielefeld, mitten drin.

Kapitel 1: Tante Lotte und die Revolution

März 10, 2011 | Kommentare deaktiviert

Adam war sich nicht sicher, ob das, was er getan hatte, richtig war. „Natürlich war es das“, dachte er wütend. Er war wütend auf die anderen und wütend auf sich selbst. Er schämte sich einmal mehr für sein albernes und unreifes Verhalten und doch sprach immer wieder der Trotz aus ihm. Man musste sich doch zur Wehr setzen, gegen das Revolutionsgeschwätz. Zu viele Leute fantasierten heutzutage fiebrig vor sich hin, wenn sie über das Internet redeten. Dann schwadronierten sie wabernd von Zukunftsmöglichkeiten, von Chancen und Vernetzung, von der Globalisierung und der digitalen Gesellschaft. „Demagogen”, stöhnte Adam leise. “Ach du alter Kulturpessimist!”, Lambert stieß ihn liebevoll in die Seite, “komm, lass uns gehen!” „Du hast recht“, Adam stürzte sein Bier hinunter, warf ein paar Münzen auf die Theke, nickte dem Wirt zu und nahm seinen grünen Bundeswehrparker von der Garderobe. “Wohin?“ Lambert schob seinen schwarzen Borsalino ins Genick und grinste keck: “Kennst du den: Rennt ein Mann in Rot die Straße hinauf. Fragt ihn ein anderer: Wohin des Weges, du Mann des Feuers? Sagt der Feuerwehrmann: Zum Herd des Brandes, du Loch des Arsches.“ Adam lächelte müde. “Nee, kannte ich nicht! Zigarette?” Die Tür von „Tante Lotte“ schlug hinter ihnen zu. Auf der Kreuzung kein Mensch. „Dit is Berlin, wa? Angesagte Partymeile, wohinne auch guckst”, witzelte Adam. Lambert zückte sein Feuerzeug und die beiden Zigaretten flackerten auf und knisterten leise, während sie tief einatmeten. Schweigend stießen den grauen Rauch in den klaren Himmel. “Kalt ist es,“ Lambert zog demonstrativ die Nase hoch, “komm wir gehen ins Faun, da ist es warm.” “Ja, sehr warm”, antwortete Adam und leckte sich zweideutig über die Lippen. Die beiden Freunde krempelten die Krägen ihrer Mäntel hoch und schlenderten das Paul-Linke-Ufer hinab. Plötzlich drehte Lambert sich um und brüllte: “Kompanie stillgestanden!” Adam erstarrte, kerzengerade stand er da und salutierte: ”Oberstleutnant Adam meldet sich zum Dienst, ihre Majestät!“ “Oberstleutnant Adam, merk er sich: Deutschlands Zukunft liegt im Internet! Und nun: Piss die Wand an!” “Jawoll, ihre Majestät!”, rief Adam Lambert ins Gesicht, drehte sich um und pisste die Wand an. Im Gleichschritt marschierten die beiden Freunde dann über dicken Gehwegplatten und ihr Gesang hallte von den dunklen Häuserzeilen wider: “Und eins und zwei und drei und vier und fünf und sechs und sieben und acht und neun und zehn, ein Hut, ein Stock, ein Damenunterrock. Vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran. Hacke, spitze, hoch das Bein!”

Narr (Amour fou)

März 9, 2011 | Kommentare deaktiviert

Sieh dich an, quel fou you are!
Tout seul, stehst du da.
Albern, falsch und lächerlich,
schreibst dir mit Farbe ins Gesicht:
Etranger in diesem Treiben,
hasst alles und dich selbst am Meisten.
Es lacht, es tanzt, das Narrenrund,
hang with me, der letzte Grund.
Bist jetzt hier und doch nicht da,
quel fou you are!

Konserven

März 9, 2011 | Kommentare deaktiviert

Von kurzer Dauer ist das Glück,
doch konserviert man es in salziger Lake,
wie ein gut gewürztes Gurkenstück,
hält es sich manchmal über Jahre.

Kinderturnen

September 9, 2010 | Kommentare deaktiviert

Kurselkopf und Klimmzug,
davon kriegt sie nie genug,
über dicke Matten krabbeln,
lange Bänke runterpaddeln,
kleine Kästen groß erklimmen,
und von jenen runterspringen,
auf die weiche blaue Matte,
dann klettern bis zur höchsten Latte,
sieh, jetzt wirft sie hoch den Ball,
und nocheinmal und nocheinmal,
rennt von der einen Wand zur andern,
schau, wie sie dabei hüpft und wandert,
krabbelt rauf und krabbelt runter,
lacht und brabbelt dabei munter,
zum Schluss die Matteneisenbahn,
ach, wie toll sie singen kann!
Kinderturnen, oh wie schön,
Komm’ Mama! Es ist Zeit zu gehn’!

Sigmund Freud…

August 31, 2010 | Leave a Comment

toonworks-ute-sigmund-freud

…bei IKEA.

Poesiealbum 27 (Clara-Lotta Funnemann)

Juni 6, 2010 | Kommentare deaktiviert

Es geht mir gut,
ich kann nicht klagen,
doch ist in jedem Lebensglück,
ein wenig Unbehagen.